Die magischen “inneren Werte”

Veröffentlicht am Donnerstag, 16 Juli, 2009 um 15:06 von AS.
Kategorien:Satire & Zynismus.

In wievielen Gesprächen erzählen uns unsere Mitmenschen, Freunde, Bekannte und alles, was sich irgendwie artikulieren kann, wenn man sie nach den Dingen fragt, die für sie an einer/einem potentiellen Lebenspartner/in wichtig sind, dass an allererster Stelle, quasi als das non-plus-ultra, die

Inneren Werte

stehen. Man muss sich ja schliesslich verstehen können, man muss sich vor allem jenseits der offensichtlichen Eindrücke auch harmonisch zurechtfinden und genau darum wird uns jeder, nein halt ich revidiere es auf 99,99%, versichern, dass alles andere nur zweitrangig ist. Ich kann mir gerade ein kurzes Schmunzeln voller Verbitterung gar nicht verkneifen.

Bitte schaut euch doch einfach mal um, wühlt in den Impressionen eures Alltags und folgt mir gedanklich, jedenfalls ein bisschen.

Sicher erinnert sich so mancher von euch an die Person mit dem schiefen Gebiß, die euch gegenüber gesessen hat; ach und auch die Fingernägel entsprachen so gar nicht dem, was eure Vorstellung von gepflegt trifft. Ihr habt zweifelsfrei Glück gehabt, dass eure jetzigen Lebensgefährten zum Glück weit gepflegter in dieser Hinsicht sind. Ja, ihr seid Glückspilze und verkauft daher eure Partner/innen darum auch aufgrund der tollen inneren Werte und all dem, was ihr so an ihnen schätzt. Einfühlungsvermögen, Treue, Ehrlichkeit und sicher fallen dem einen oder anderen von euch noch viel mehr Tollitäten ein, was eure Partner/innen so einzigartig macht. Das Aussehen, da redet ihr ja gar nicht von und eine optische Vorstellung von einem Idealmann oder einer Idealfrau habt ihr sowieso nicht denn wir erinnern uns, was für euch wichtig ist, die

Inneren Werte.

Stellt euch doch mal vor, ihr hättet die Person mit den schiefen Zähnen und den ungepflegten Fingern nicht direkt optisch wahrgenommen, vielleicht nur per Email oder Telefon, ja vielleicht aus einem Internet Chat. Zu allem Überfluß hätte diese Person einen so umwerfenden Charme, eine so bombastische Ausstrahlung, ein solches Karma versprüht, dass ihr vor eurem ersten Treffen unheimlich nervös gewesen wärt. Natürlich hättet ihr nie, denn das interessiert euch ja nicht, nach dem Aussehen gefragt und schon gar nicht nach so Äußerlichkeiten wie Zähnen und Nägeln. Und dann kommts. Man trifft sich und ganz urplötzlich steht da der Typ Mensch mit einer Transpiration wie aus der Axe Reklame, mit einem Gebiß wie ein Kamel, das ein paarmal vor eine Steindüne gelaufen ist und Fingernägel, die den Eindruck machen, als hätte diese Person Monate hungern müssen. Ihr sagt euch jetzt natürlich, alles scheissegal, denn für mich zählen ja die

Inneren Werte

und niemals nicht würdet ihr, die von dieser Person so angetan waren, plötzlich einen Rückzieher machen. Schliesslich sagtet ihr auch, dass sowas wie Aussehen ja absolut zweitrangig ist. Die Worte müssten doch noch in eurem Kopf nachhallen, so oft wie ihr das verkündet. Nein, ihr proklamiert das gebetsmühlenartig wie ein Luther als er seine Thesen anschlug. Ich wünsche euch also alles Gute mit diesem optischen Reinfall.

Wie, es wurde leider nichts daraus? Jetzt sagt mir bloß nicht, dass es daran lag, dass diese Person zu ungepflegt war. Wart ihr es nicht, die bei allem, was euch heilig ist, geschworen haben, dass solche Äußerlichkeiten ohne Belang sind? So ein kleines bisschen, nein, eigentlich über alle Maßen bin ich enttäuscht. War es nicht das, was ihr in stoischer Ruhe immer wieder jedem Mitmenschen verklickern wollt? Wo sind sie denn hin, eure Präferenzen für wahren

Inneren Werte.

Es tut mir natürlich persönlich sehr leid, wenn sich jetzt einer von euch, geneigte Leser, angesprochen fühlt, aber was ist mit euch Männern, die auf Frauen mit großen Brüsten stehen. Ihr würdet auch gewiß jederzeit die Frau von Zweien vorziehen, die die besseren inneren Werte und A-Körbchen hat. Niemals die mit den langen Beinen und den großen Möpsen, pardon, den großen “inneren Werten”. Genau darum prollen auch jetzt bevorzugt soviele von euch zur Sommerzeit mit ihren Cabrios durch die Straßen, die Musik bis zum Anschlag aufgezogen, nur in der Hoffnung, dass zu euch mal an der Ampel eine Frau mit einem rassigen Fahrgestell, halt, ich meine natürlich eine mit wahn- und aberwitzigen inneren Werten, ins Auto steigt. Ist ja klar. Ihr männlichen Zeitgenossen, ihr würdet ja auch niemals der charakterlosen Schlampe mit dem Mini, der nicht breiter als ein Gürtel um die Hüften geschwungen ist, hinterherblicken. Nein, ihr wärt wie magnetisiert von der konservativen Dame im Kostüm und dem über Knie langen Rock, weil sie - strike, gimme 5 - viel, viel bessere innere Werte habt. Ich finde, ihr Männer seid wirklich aufrichtige Kerle, jedenfalls die Mehrzahl von euch. Danke Jungs.

Ja und was ist mit den Frauen, die, die George Clooney, Brad Pitt und Konsorten anhimmeln. Warum muss hier bitte keiner fragen. Die Frauen sind genauso lauter wie wir Männer. Sie achten nur auf die außerordentlich wundervollen Charakterzüge der Kerle und halten zum Beweis ihrer Verehrung auch Schilder mit Kindeswünschen hoch, werfen Unterwäsche in Massen auf Wege, wo immer ihre Angebeteten auftauchen. Frauen haben eben ein wundervolles Einfühlungsvermögen, denn obwohl sie noch nicht einmal ein Wort mit diesen Größen gesprochen haben, wissen sie, dass die

Inneren Werte

dieser Koriphäen sicher nicht zu toppen sind. Frauen haben für sowas eben einen Riecher, das sagen sie ja immer selbst - nicht wahr, Mädels? Kommen wir aber mal wieder auf den Boden der Tatsachen. Erinnert ihr euch noch als ihr euren jetzigen Lebensgefährten kennengerlernt habt, erinnert ihr euch daran, wie ihr euch das erste Mal getroffen habt? Ich muss euch jetzt leider beichten, dass ich nicht nur besser aussehe, sondern mindestens das gleiche, unschlagbare Maß an inneren Werten habe, wie euer Lebensgefährte. Achja, und ich würde natürlich weit öfter mit euch Sex haben, als euer jetziger Lebenspartner. Damals, als ihr euren Lebensgefährten also kennengelernt habt, da sagte ich zu ihm “Weisst du, ich komme nicht mit zu eurem Treffen. Ich gönne sie dir.” Und sind wir mal ehrlich, hätte ich überhaupt eine Chance gehabt, wenn ich genetisch in Sachen meiner

Inneren Werte

so wie er gewesen wäre, nur halt in allem anderen noch 2 Nummern besser? Natürlich nicht, denn alles außer den inneren Werten zählt ja auch für euch Frauen nicht. Ihr würdet ja auch niemals auf meinen knackigen Arsch schauen und euch wünschen, da mal drauf zu klatschen denn insgeheim wisst ihr ja, dass ich ein Charakterschwein bin; das macht auch mein Arsch nicht wieder wett.

Zum Abschluß habe ich eine Bitte an euch. Der nächste von euch, der mir glaubhaft versichern will, dass sowas wie Optik und alles jenseits von inneren Werten völlig nebensächlich ist, soll besser direkt seine Klappe halten. Ich bin es definitiv leid, mich von dieser verlogenen Gesellschaft an der Nase herumführen zu lassen und das ist ja nur eine von vielen Lügen, die ihr täglich wie Kriegspropaganda verbreitet.

“Liebling, warum liebst du mich eigentlich?”
“Na, wegen deiner tollen, inneren Werte”,
man, isch schwör.

AS

2 comments.

schwarze witwe

Comment am Montag, Juli 20, 2009.

Ich bin Ihnen mal gedanklich gefolgt und möchte mich mal zu diesem Thema äussern:

das Aussehen eines Menschen spielt ausserhalb des Internets eine primäre Rolle, was das Kennenlernen anbelangt, das stimmt; wobei man “Schönheit” nicht pauschalisieren kann. George C. & Co treffen mit Sicherheit den Geschmack vieler Frauen, aber es gäbe auch Abnehmerinnen für Kid Rock, James Hetfield & Co.
Warum? Nun, von einem George C. erhoffen wir uns (wir gehen jetzt mal strikt nach Äusserlichkeiten) einen Charakter, der seinem Äusseren entspricht - d.h. ein George C. muss fürsorglich, zuvorkommend, gebildet u.s.w. sein. Ein Kid Rock hingegen öffnet uns die Pforten für ein böses, nimmersattes, verbotenes, interessantes und aufregendes “Abenteuer”. Wir Frauen, zumindest ich, erwarten von einem Kid Rock etwas ganz anderes als von einem George C. Zu diesem Zeitpunkt kennen wir ja aber nicht die magischen “inneren Werte” und so kann es durchaus passieren, dass ein George C. alles andere ist als fürsorglich, zuvorkommend u.s.w. und ein Kid Rock hingegen nicht mal eine Anforderung erfüllen kann, die wir an ihn stellen.
Jetzt der Vorteil des www. OK, Aussehen u. Charakter sind wichtig, aber:

bei www haben wir den Vorteil, hinter eine “Fassade” zu schauen, ohne durch das Aussehen des Menschen abgelenkt zu werden z.B. durch einen Riesenbusen!!!!!!!! D.h. wir lassen uns von den äusseren Pluspunkten nicht “blenden”. Die äusseren Merkmale spielen hier eine sekundäre Rolle, was den Vorteil hat, einen Menschen ganz locker und unverfälscht (z.B. durch Push-up BH) kennenzulernen und mehr zu erfahren, als wenn man ihm gegenüber sitzen würde.
Trifft man sich, hat man automatisch eine Grundbasis für eine Unterhaltung und auch genug Gesprächsthemen, da man sich ja “intensiver” schon kennengelernt hat - auch wenn das Gegenüber nicht dem entspricht, was man sich vielleicht erhofft hat. Ein markantes, unverfälschtes, besonderes und interessantes Gegenüber wird einen äusserlich nicht enttäuschen. Sollte dennoch ein Horst Schlämmer oder Mutter Flodder erscheinen, so kann man ehrlicher und humorvoller mit diesem “Problem” umgehen als wenn man sich erst gerade kennengelernt hat und sich eigentlich nichts zu sagen hat.

Auch wenn es jetzt was auf die Hörner gibt:

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

AS

Comment am Montag, Juli 20, 2009.

Natürlich gibt es noch andere Ideale außer einem George oder Brad. Die beiden sollten lediglich exemplarisch herhalten.

Ist es wirklich so, dass man beim Internet hinter eine Fassade schaut? Viele nutzen das Internet genau aus dem einzigen Antrieb der Unsichtbarkeit und der damit verbundenen Option, sich anderen Personen gegenüber so zu präsentieren, wie sie sich auf realem Grund und Boden niemals präsentieren könnten. Das Internet birgt eben dabei den unglaublichen Vorteil, dass die meisten aller Lügen, aller Präsentation zwischen Knitter und Hochglanz niemals auffliegen.

Gewiß hat man die Chance, dass man, sofern das virtuelle Gegenüber ehrlich ist, unabgelenkter ist und sich damit mehr auf die Eigenschaften der Person konzentriert, als wenn man sie sehen würde. Leider sind aber diese Konstellationen gemäß meiner Erfahrungen deutlich seltener als das ausgeprägte Münchhausen Syndrom der Internet-Kommunikation.

AS

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